Notfallmedizin in Kamerun

Da das Spital an einer viel- und schnellbefahrenen Nord-/Südachse liegt, sind Verkehrsunfälle prinzipiell denkbar. Glücklicherweise handelt es sich meistens um Motorradfahrer, die bei Schrittgeschwindigkeit auf Matsch gerutscht sind und sich ein paar Schrammen am Kopf (Helme sind unüblich) zugezogen haben.

Sehr schnell kann es aber auch ganz anders aussehen, wie vor zwei Tagen eindrücklich demonstriert wurde. Zwei entgegenkommende Personenwagen sind frontal kollidiert. Man darf nebenbei erwähnen, dass in Kamerun in einem normalen Familienauto statt fünf in der Regel sieben bis neun Personen transportiert werden. Das Gepäck ist dann meist auf dem Dach, höhenmässig gibt es hier keine offiziellen Beschränkungen.

Beim betrachten der Fotos, die uns freundlicherweise vom Bruder eines Patienten zur Verfügung gestellt worden sind, erkennt man unschwer, dass die Fahrer den ungünstigsten Platz innehatten. Einer der Fahrer verstarb noch am Unfallort. Wichtig zu wissen ist, dass es hier keinen Rettungsdienst oder ähnliches gibt. Die zerstörten Fahrzeuge werden meist an Ort und Stelle zurück gelassen und die Menschen sich selbst überlassen. In diesem Falle hat ein Reisebus die gehfähigen Verletzten aufgenommen und zu uns ins Spital gebracht, wo unmittelbar reges Treiben ausbrach. Der verstorbene Fahrer des ersten Fahrzeugs kam nicht mit dem Bus, er wurde wie der bewusstlose Fahrer des zweiten Fahrzeugs in ein Taxi gesetzt.

Das sonst üblicherweise eher etwas gelangweilt herumsitzende Personal verwandelte sich umgehend in einen Hühnerhaufen, wobei sowohl die Bewegungen als auch der Geräuschpegel gemeint sind. Da der Chefarzt meist abwesend ist und der Grossteil des Personals keine Ausbildung hat, ist man es hier nicht gewohnt, dass jemand der einen Plan hat anwesend ist. Umso anstrengender war es dann auch, den Aktionismus zu bündeln und einen gewissen Überblick zu gewinnen. Jeder hat sich etwas gesucht, was er kann. Die Clinical Officers, die sich selbst fälschlicherweise als Ärzte bezeichnen und sich mit „Doctor“ anreden lassen, haben wie das OP-Personal sofort begonnen, Wunden zu nähen. Die Pflege hat sich darum gekümmert, dass die Patienten bequem lagen. Leider stand ich mit den Untersuchungen der Patienten und der Beurteilung der Schwere der Verletzungen ziemlich alleine da.

Besonders groteske Ausmasse nahm es mit dem Fahrer des zweiten Fahrzeugs an, der vom Taxi einige Minuten nach dem gehfähigen Tross geliefert wurde. Ich befand mich gerade in einem anderen Zimmer bei einem Patienten der Atemprobleme hatte. Als ich in den „Dressing Room“ zurück kam, standen gerade alle Anwesenden um eine Trage herum, die ungünstigerweise auch noch an der Wand stand. Der Anästhesist legte gerade die zweite Spritze mit Schmerzmedikamenten beiseite, die er dem Patienten verabreicht hatte. Die anderen waren damit beschäftigt, den Kopf in eine abnorme Position zu zerren, um ihm den Kopf rasieren zu können, wo er eine kleine Wunde hatte. Meine Frage, ob er schon vor der Verabreichung der Medikamente bewusstlos gewesen sei, konnte von den Anwesenden leider niemand beantworten.

Nachdem ich mir Platz verschafft hatte, konnte ich den Patienten in Augenschein nehmen. Er war bewusstlos, die Augen zeigten fixiert nur in eine Richtung, die Pupillen waren nach den Morphin-ähnlichen Schmerzmitteln nicht mehr beurteilbar. Es floss Blut aus beiden Ohren. Der linke Arm hatte ein paar Gelenke zuviel, die Atmung war brodelnd bis grunzend und der Bauch steinhart. Der linke Oberschenkel, an dem kein Knochen mehr tastbar war, stand in grotesker Position vom Körper ab. Und am Hinterhaupt hatte er eine kleine, noch nichtmal blutende Platzwunde. Und genau auf diese Wunde hatte sich das Notfallversorgungsteam gestürzt. Wenn es nicht so tragisch wäre, könnte man festhalten, dass die Situation einer gewissen Ironie nicht entbehrte.

Wie es der Zufall eben will, gab gerade an diesem Nachmittag unser Röntgengerät die Funktion auf. Unser Ultraschallgerät war sowieso bereits seit Monaten ausser Betrieb. Das klinische Bild und diese Konstellation führten dazu, dass ich mit den Angehörigen besprechen musste, dass der Patient mehrere Verletzungen hat, von denen jede einzelne für sich genommen bereits tödlich sein könnte, und wir hier mitten im Urwald ausser der Verabreichung von ein paar Medikamenten und der provisorischen Ruhigstellung der grössten Knochenbrüche nicht viel für ihn tun können. Man einigte sich darauf, ihn in eine grössere Stadt zu bringen. Die Wahl fiel nicht auf die räumliche nächste Stadt, sonden auf die nächstgelegene mit einem grossen Krankenhaus. Der noch immer bewusstlose Patient wurde dann zusammen mit seiner Nichte in ein Taxi gesetzt und abtransportiert. Er ist lebend angekommen, was wieder für die These spricht, dass wer hier aufwächst und erwachsen wird, in der Regel relativ zäh ist.

Gegen 18 Uhr kehrte schlagartig Ruhe ein, als der Grossteil des Personals, inklusive dem diensthabenden Clinical Officer, ohne Ankündigung in den Feierabend verschwand. Anwesend waren dann nur noch Tanja, ich und die Spätdienst-Equipe, die jedoch keine Übergabe über die Patienten erhalten hatte. Wer wo lag, und welche Verletzungen hatte, wusste ausser Tanja niemand. Es interessierte sich anscheinend sonst auch niemand dafür. Am darauffolgenden Tag konnten wir bis auf eine Patientin alle nach Hause oder in die weitere Behandlung an einem anderen Ort entlassen.


2 Gedanken zu „Notfallmedizin in Kamerun“

  1. Hallo zäme, ui nei das tönt also gar nid schön was sich da abspielt bi eu. Isch scho verruckt, da chasch na so guets Personal am Spital ha aber wenn dir d Hilfsmittel eifach fähled und au d Bereitschaft vo de Lüüt zum e Situation länger uszhalte, denn stahsch definifiv elei ufem Platz. Ich glaubs das zeigt ganz fescht die Armuet uf wo bi eu herrscht und au wie fescht, dass genau die Armuet au d Mensche beiflusst…

  2. Hey ihr 2,
    Danke vielmol für oii spannende bricht immer wieder us oiem alltag!!
    Eifach wahnsinn wiä das abgaht….
    Chapaux vor dem was ihr grad leisted! Stells mir sehr usefordernd vor,zgseh wases brüchti,was wichtig wär und priorität het und den sind eim eifach dhänd bunde dur verschiedensti umständ (materiell,personel).wiä gahts oi2 echt debi?
    Ich wünsche oi viel chraft und au ganz viel gfroits!!liäbs grüessli jasmin

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