Parc Trinationale de Sangha

Nachdem wir das Hindernis (siehe letzter Eintrag) überwunden hatten, ging es weiter zu unserem Ziel, dem „Parc Trinationale de Sangha“. Dieser Park besteht aus dem „Lobeke“ Nationalpark in Kamerun, dem „Dzanga Sangha“ Nationalpark in der Zentralafrikanischen Republik und dem „Nouabele Ndoki“ Nationalpark in der Republik Kongo (Brazzaville).

Aufgrund des exzellenten Rufes, der nicht zuletzt an der konsequenten Führung durch den WWF ohne politische Vetternwirtschaft liegt, war unsere Entscheidung auf den Dzanga Sangha Nationalpark gefallen.

Das Zwischenziel unserer Reise war Libongo, wo die Motorräder uns absetzten, und wir die Einreiseformalitäten für die Zentralafrikanische Republik absolvieren konnten. Da es keine Brücke über den Sangha-Fluss zwischen Kamerun und der Zentralafrikanischen Republik gibt, hätten wir das Auto sowieso an der Grenze zurücklassen müssen. Wir überquerten den Fluss mit einer motorisierten Piroge und wurden auf der anderen Seite von unserem Lokalguide und dem Fahrer empfangen. Die Fahrt nach Bayanga im Geländewagen führte uns für mehrere Stunden auf einer marginalen Piste mitten durch den Urwald und durch unzählige Wasserläufe. Die Piste war schmaler als das Fahrzeug, daher schlugen andauernd Äste von den Weg flankierenden Pflanzen und Bäumen gegen das Auto und erklärten so die zahlreichen Risse in den Scheiben sowie die fehlenden Spiegel. Mehrere umgestürzte und den Weg komplett blockierende Bäume lieferten auch die Erklärung für die drei Waldarbeiter in zerschlissener Kleidung, die wir im Gepäckbereich mitgenommen hatten. Insgesamt erinnerte die Szenerie etwas an Jurassic Park.

Die Zentralafrikanische Republik, gezeichnet von jahrzehntelangem Bürgerkrieg, gilt als das ärmste Land der Welt. Die Unterschiede zu Kamerun stachen auch sofort ins Auge, keine Solaranlagen, keine blechgedeckten oder gar gemauerten Häuser, dafür aber unterernährte Kinder. Die meisten Menschen trugen allenfalls ein Kleidungsstück, vielfach waren Lumpen zu sehen. Der lokale Bevölkerungsstamm, die Pygmäen, ist für seine Kleinwüchsigkeit bekannt, ob es einen Zusammenhang mit den Lebensbedingungen gibt, konnten wir nicht herausfinden.

Die Besucheraktivität im Nationalpark, die wahrscheinlich das meiste Geld unter der einfachen Bevölkerung verteilt, ist die Netzjagd. Dabei luden wir im Dorf zehn Pygmäen-Jäger (grösstenteils Frauen) auf den Pickup auf, damit sie uns im Wald die traditionelle und noch immer praktizierte Netzjagd demonstrieren konnten. Dabei werden Netze, ähnlich Fischernetze, im Wald gespannt, und die Tiere, z.B. Duiker, hineingetrieben. Leider haben wir jedoch nichts gefangen.

Der nächste Punkt war das „Elephant-Trekking“. Tief im Urwald gibt es eine grosse wasserdurchflossene Lichtung, deren Boden einen erhöhten natürlichen Salzgehalt aufweist, die „Saline“. Dies scheinen die Wald-Elefanten besonders ansprechend zu finden, daher suchen sie diesen Ort häufig auf. Von unserem Versteck aus, konnten wir etwa 100 Elefanten verschiedener Altersklassen beobachten.

 

 

 

Das absolute Highlight aber ist das „Gorilla-Trekking“. In jahrelanger Arbeit ist es unter Leitung des WWF gelungen, zwei wild lebende Gorilla-Familien so zu habituieren, dass sie sich von Menschen, die einen bestimmten Abstand einhalten, nicht mehr bedroht fühlen. Der sehr hohe Preis für diese Aktivität kommt der Erhaltung des Lebensraumes und damit dem Schutz dieser vom Aussterben bedrohten Art zu Gute. Pisteurs, die den Gorillas seit Jahren bekannt sind, begleiten die Familien in dezentem Abstand den ganzen Tag bei ihrer Wanderung durch den Park und merken sich deren Schlafplatz. Am nächsten Tag wird dann an dieser Stelle wieder angefangen, die Gorillas zu suchen.

Man fährt zunächst für zwei Stunden mit dem Geländewagen über eine Dschungelpiste zum Lager der Pisteurs. Von dort geht es dann nach Unterweisung und Desinfektionsmassnahmen für zwei bis drei Stunden (je nach Aufenthaltsort der Gorillas) zu Fuss durch unwegsames Urwaldgelände mit Sümpfen und Wasserläufen. Wenn man die Gorillas erreicht hat, darf man ihnen mit Mundschutz für eine Stunde folgen und sie beobachten. Im Wesentlichen geht es dabei um die Nahrungsaufnahme oder das Spielen der Kinder.

Einmal hat uns das Familienoberhaupt, der mächtige Silberrücken, gar bis auf vier Meter an sich herangelassen, bis er dem Pisteur signalisiert hat, dass es nah genug sei.

Um die Tiere nicht unnötig in ihrem natürlichen Leben zu stören, werden pro Gorilla-Familie täglich nur vier Gruppen mit höchstens drei Gästen zugelassen, und die Beobachtungszeit ist auf eine Stunde begrenzt. Gorillas in der Wildnis aus der Nähe beobachten zu können, war wirklich ein einmaliges und sehr beeindruckendes Erlebnis.

Unfreiwillige Strassensperre?!

Den weiteren Weg von Yaounde zu unserem Ziel im äussersten Südosten des Landes, wo es meist kein Handynetz gibt, legten wir mit Fahrer, Guide und Geländewagen zurück. Das kann sehr sinnvoll sein, da es zuweilen sehr kompliziert sein kann, in entlegenen Gegenden den richtigen Weg zu finden, und man sich vor allem nicht selbst um allfällige Probleme mit dem Fahrzeug kümmern muss. Von letzteren blieben wir selbst zum Glück bisher verschont.

Da aber ein Holz-Lastwagen auf einer entlegenen, nicht umfahrbaren Route mitten im Urwald weniger Glück hatte, konnten wir den Vorteil unseres Arrangements nutzen. Der einzige, dafür aber mehrfach wiederholte Kommentar unseres Fahrers bei diesem Anblick war „merde“.

Diese Angelegenheit machte leider eine nächtliche Unterbrechung unserer Fahrt notwendig. Nach der von unserem Guide organisierten Übernachtung in einer WWF-Unterkunft konnten wir am nächsten Tag die Reise fortsetzen. Allerdings nicht in unserem Auto, das keine Chance hatte, das Hindernis zu umfahren. Wir und unser Gepäck kamen zu Fuss darum herum und konnten auf herbeigerufenen Motorrädern weiterreisen. Der Fahrer und das Auto blieben zurück und werden in den nächsten Tagen nachkommen, falls die Strasse bis dahin wieder frei ist.

Da wir Manyemen bereits vor mehreren Tagen endgültig verlassen haben, blieben wir zum Glück von der grossen Geiselnahme ausländischer Staatsangehöriger im nördlichen Nachbarort (Nguti) und der grösseren Schiesserei mit anscheinend zahlreichen Verletzten im südlichen Nachbarort Manyemens (Konye) verschont. Aufgrund unserer mittlerweile grossen räumlichen Entfernung sind wir vom Bürgerkrieg in Südwest-Kamerun nicht mehr unmittelbar betroffen.

On the road again…

Dass auf Reisen in Afrika im Allgemeinen und Kamerun im Speziellen allerlei unvorhergesehenes passieren kann und man von daher bezüglich Ankunft und Unterbrechungen flexibel bleiben muss, war uns nichts Neues. Unsere Reise von Manyemen über Buea und Douala in die Hauptstadt Yaounde war diesbezüglich keine Ausnahme.

Wir hatten zum beispiel bereits eine Reifenpanne, als sich auf dem Highway ein scharfkantiges kleines Metallteil in einen Reifen hineingebohrt hatte. Ausserdem waren wir von einem missmutigen Gendarm an einem Kontrollpunkt festgehalten worden. Er war kurioserweise der Meinung, dass es in Kamerun aus Sicherheitsgründen verboten sei, einen Rucksack auf dem Rücksitz zu transportieren und wollte von uns eine „Strafe“ in geradezu astronomischer Höhe dafür kassieren. Er liess sich auch mit den üblichen Argumenten, z.B. dass wir gar keine Touristen sondern medizinisches Fachpersonal seien, dass wir in einem Krankenhaus arbeiteten, dass wir für die Kirche arbeiteten, etc. nicht von seiner Phantasie abbringen. Erst als ich mit der Ankündigung, Kontakt zur Hierarchie der Kirche aufzunehmen, zum Telefon gegriffen habe, hat er es sich endlich anders überlegt und uns weiterfahren lassen.

Mir vor Augen haltend, wie Taxis und andere Transporter in Kamerun üblicherweise beladen sind, konnte ich mein Gelächter in dieser grotesken Situation wirklich nur schwerlich zurückhalten. Das Bild zeigt zwei nur etwa zur Hälfte (!) beladene Taxis.

So erschien es uns zunächst auch nicht überraschend als wir einige Stunden später wieder an einem Checkpoint herausgewunken wurden. Auffallend war, wie gezielt der Gendarm einzelne Fahrzeuge auswählte, noch bevor er Fahrer oder Innenraum erkennen konnte. Er hatte dabei einen handschriftlichen Zettel in der Hand, auf dem korrekt „RAV 4“ sowie unsere Autonummer stand, und den er uns mit den Worten, „Euer Auto steht auf diesem Zettel, Ihr seid zu schnell gefahren!“, demonstrierte.

Es ging einen Augenblick bis wir realisiert hatten, dass es dabei tatsächlich mit rechten Dingen zuging. Es ist schon phänomenal, die wahrscheinlich einzige Geschwindigkeitskontrolle des ganzen Landes, die konnte „Turbo Tanja“ nun wirklich nicht verpassen.

Alle anderen Fahrzeuge, die ebenfalls anhalten mussten, waren offensichtlich gut motorisiert. Die Fahrer sahen allgemein weniger glücklich aus. Die einheitliche Strafe von 25’000 XAF (ca. 42 CHF), nota bene mit korrekter gesiegelter Quittung, war für uns zwar weniger schmerzhaft, die Erheiterung über diese unerwartete Situation glich das problemlos aus. Bedenkt man aber, dass diese Strafe ungefähr einen halben kamerunischen Mindestlohn ausmacht, entspräche der Betrag in der Schweiz etwa 2’000 CHF…

Christliche „Nächstenliebe“ ?!?

Ende November hat der Moderator, der Bischoff und oberste Leiter der Presbyterianischen Kirche in Kamerun (PCC), einen unmissverständlichen Beschwerdebrief gegen die Mitarbeitenden von Mission 21 in Kamerun geschrieben.

Zunächst wurde unser Freund der Ingenieur, der seit 2014 in Manyemen arbeitet, massiv angegriffen und auch gegenüber Mission 21 schlecht gemacht. Der absolute Grossteil der Vorwürfe ist frei erfunden und sehr einfach wiederlegbar. Der Moderator hat ihn damit letztlich zum fristlosen Rücktritt gezwungen. Vor wenigen Wochen haben wir ihn nach Douala zum Flughafen begleitet, er hat Kamerun damit ein Jahr früher als geplant verlassen müssen.

Das nächste Ziel der Angriffe des Moderators war ich selbst. Glücklicherweise sind auch seine Vorwürfe gegen mich komplett haltlos und einfach wiederlegt. Wenige Tage vor diesem Brief habe ich bei meiner fachlichen Mitarbeiterqualifikation mit dem Chefarzt die volle Punktzahl erhalten. Das Verhalten der Patienten und der Chiefs der umliegenden Orte mir gegenüber bestätigt meine gute Beurteilung durch den Chefarzt und widerspricht damit dem Moderator ebenfalls.

Der Versuch des Chefarztes, mit dem Moderator das Gespräch über seine überraschende und haarsträubende Beurteilung aufzunehmen, scheiterte. Der Moderator antwortete, dass er nicht auf die fachliche Meinung des Chefarztes angewiesen sei, um meine Qualifikation zu beurteilen.

Es ist daher anzunehmen, dass es sich auch bei dem Angriff auf mich nicht um konkrete Kritik an meiner Person handelt, sondern um einen Versuch, mich schlechtzumachen und loszuwerden. Inkonsequenterweise ist man sich allerdings nicht zu schade, weiter bei jeder Gelegenheit Gelder aus der Schweiz zu fordern.

Unsere tägliche Arbeit wird durch diese Feindseligkeiten zum Glück jedoch nicht beeinträchtigt. Der Umgang mit den Mitarbeitenden sowie den Patienten hier im Urwald ist unverändert herzlich und angenehm. Buea mit dem sprichwörtlichen Elfenbeinturm und den Animositäten der Elite ist eben doch weit weg.

Die kamerunischen Mitarbeiter in Manyemen zeigten sich indes über diese Entwicklung nicht erstaunt. Komplett haltlose Vorwürfe von Seiten der Kirche ist man hier gewohnt, einige Mitarbeiter berichten gar, seit Jahrzehnten systematisch schikaniert zu werden.

Zum einen sind wir sind sehr traurig über diese Entwicklung hier. Zum anderen muss man aber einräumen, dass wir, als wir nach Kamerun ausgewandert sind, das wahre Afrika erleben wollten. Und nun erfahren wir hautnah auch die schwierigen Dinge, die die meisten Menschen in Afrika tagtäglich durchmachen müssen…

Doctor, it-done-comm-od…

An einem schönen, sonnigen und sehr warmen Sonntag erreichte mich der Anruf, dass eine Patientin mit Rückenschmerzen im Spital eingetroffen sei. Gemäss Rückfrage, hätte sie die Rückenschmerzen bereits seit etwa zehn Jahren.

Dies ist insoweit ungewöhnlich, als dass Konsultationen am Sonntag doppelt so teuer sind, wie an einem Werktag (Montag – Samstag) während der Sprechstunde. Daher versuchen die meisten Kameruner Arztbesuche am Sonntag in der Regel tunlichst zu vermeiden. Von weither angereiste übernachten oft auch erstmal im Schlafsaal um dann Montags in die Sprechstunde zu kommen.

Auch der übermittelte Grund für die Konsultation, Rückenschmerzen seit vielen Jahren, erschien mir für diese Gegend ungewöhnlich. In der Schweiz kommt es hingegen schon gelegentlich mal vor, dass sich ein junger Erwachsener, nachdem die letzte Beiz geschlossen hat, gegen 03 Uhr morgens auf ins Spital macht um seinen Husten, unter dem er seit vier Monaten gelegentlich leidet, mittels „Memory“ abklären zu lassen. Ist ja gratis…

Für Kamerun ist so etwas aber höchst ungewöhnlich und weckte daher mein Interesse. Als ich im Spital eintraf, fand ich die alte Frau bereits im Bett liegend vor. Alt bedeutet in diesem Kontext „60+“. Spätestens mit 60 spielen die einzelnen Jahre nämlich keine Rolle mehr, man gilt dann als steinalt. Höflicherweise wird man mit „big mamí“ angeredet.

Das Gespräch mit der Patientin und ihrer Tochter brachte wenig neues, Diabetes habe sie, sei aber kein Problem, sie nehme ohnehin seit zehn Jahren keine Medikamente mehr… ausser den Schmerzmitteln für die Rückenschmerzen. Diese bestünden unverändert mindestens seit zehn Jahren. Seien aber mit den Schmerzmitteln auch kein Problem. Schmerzmittel habe sie übrigens noch genug.

Nach etwa einer Viertelstunde musste ich dann doch landesuntypisch konkret nachfragen, was denn eigentlich wirklich das Problem sei. Als Antwort erhielt ich nur: „Doctor, it-done-comm-od…“ (Doktor, es ist heraus gekommen…). Weitere Erklärung dazu gab es zunächst keine.

Nun, was könnte wohl herausgekommen sein? Und vor allem wo? Aus dem Stegreif heraus ergab das alles noch keinen Sinn. Die Beantwortung dieser Frage schien aber der Schlüssel zur ganzen Angelegenheit zu sein. Während ich noch darüber nachdachte, was wohl wo herausgekommen sein könnte, schlug die Tochter den Rock der Patientin nach oben. Dabei offenbarte sich ein geradezu grotesker Gebärmuttervorfall…

Diesen überraschenden Befund zu fotografieren, habe ich der Patientin erspart, daher zeigt das beiliegende Foto drei andere aber ebenso alte Frauen ohne akute gesundheitliche Probleme.

Alles hat ein Ende…

Alles hat ein Ende…, so dachte ich mir bis heute jedenfalls. Mit diesem Grundsatz vor Augen begann ich, die schöne, etwas steife, rote Kunststoffschnur abzurollen, die wir mit Originaletikett auf dem Markt in Bamenda gekauft hatten. Sie erschien mir geradezu ideal, um meine Antenne an dem vor unserem Haus stehenden Mangobaum hinaufzuziehen.

Leider liess sich die Schnur bereits nach ein paar Metern nicht weiter abrollen, hatte sie sich doch komplett verknotet. Bizarr. Ich machte mich also daran, die Schnur langsam auseinanderzuknoten. Zum Glück handelte es sich wie gesagt um eine etwas versteifte Schnur, die Knoten waren daher mit viel Geduld wieder zu öffnen. Nach etwa einer Stunde, mittlerweile polterte das bekannte Fasnachtslied (Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei!) bereits unüberhörbar in meinem Kopf, hatte ich doch tatsächlich nicht etwa beide Enden, ich hatte sogar alle DREI (!) Enden der Schnur entdeckt. Soweit sogut.

Als ich dann auch das vierte Ende gefunden hatte, wähnte ich mich dem Abschluss der ganzen Aktion bereits nahe. Doch, weit gefehlt. Nach einer weiteren Viertelstunde hatte ich in dem Schnurkneul doch tatsächlich noch das fünfte Ende entdeckt, mit dem es sich ähnlich wie mit dem fünften Rad am Wagen verhalten sollte.

Der geübte Leser wird bereits ahnen, worauf es hinausläuft. Als ich nach insgesamt zwei Stunden alle sechs Enden der neuen, etikettierten Schnur gefunden hatte, ging die Trennung in drei ungleichgrosse Abschnitte wie von selbst. Zwei davon sind exemplarisch abgebildet, das dritte konnte ich dann nämlich wirklich für die besagte Antenne verwenden…

Und die Moral von der Geschicht…

…die Wurst spielt in Kamerun klar nicht die selbe Rolle wie in der europäischen Fasnacht.

Extrême-Nord

Maroua ist die Hauptstadt der muslimisch geprägten savannenartigen Region Extrême-Nord. Aufgrund von wiederkehrenden Konflikten mit der inzwischen im Hinterland und in den Grenzregionen heimisch gewordenen islamistischen Sekte Boko Haram aus Nigeria, kommen praktisch keine europäischen Reisenden mehr nach Maroua. Die meisten Europäer, die man hier trifft, leben entweder seit langem hier oder sind beruflich unterwegs.

In Maroua waren wir im Porte Mayo Hotel untergebracht, einer schönen Hotelanlage unter europäischer Leitung mit einzelnen Bungalows. Das Restaurant war ebenfalls ziemlich gut und hatte eine ungewöhnlich grosse Auswahl, meistens war auch ungefähr die Hälfte der Gerichte auf der Speisekarte tatsächlich an Lager – das ist klar Rekord!

Viele kamerunische Restaurants haben, möglicherweise als Erinnerung an die Kolonialzeit, tatsächlich eine Speisekarte. Meistens gibt es von über zehn Gerichten jedoch nur eines oder zwei zur Auswahl. Daher haben wir auch auf Martins Vorschlag das Verhalten der kamerunischen Gäste in kamerunischen Restaurants übernommen. Wir schauen die Speisekarte höchstens zur Inspiration an und stellen dann in lokalem Dialekt die alles entscheidende Frage: „You have what?“

Einer unserer Ausflüge führte uns nach Pouss, einen kleinen Ort, der nur durch eine Wasserstrasse vom Tschad getrennt ist. Die Piste führte an einem etwas undichten Deich vorbei und war daher ab einem Kanal so matschig, dass auch mit einem guten Geländewagen kein Durchkommen mehr war. Wir mussten uns daher nach einem anderen Fortbewegungsmittel umsehen. Die freischaffenden, auf den abgaben- und zollfreien Warenverkehr zwischen Kamerun und Tschad spezialisierten Bootsunternehmer waren dann auch sichtbar erleichtert, dass die „White Man“ sie nicht zu genau beobachteten oder gar fotografierten, sondern auf ein paar Motorrädern über den Deich verschwanden. Auf diese Weise erreichten wir unser Ziel, die tradionellen spitzen Lehm-Häuser (Kegelhütten) des Mouzougoum Stammes, dessen Mitglieder im Ruf stehen, die grössten Menschen Kameruns zu sein.

 

Am nächsten Tag stand der Mindif Mountain auf dem Programm. Ein solitär stehender und von weitem sichtbarer Berg mit einer ganz charakteristischen Form. Da der Weg dorthin auch für unseren aus Maroua stammenden Fahrer nur schwer zu finden war, mussten wir unterwegs mehrfach nachfragen. Dabei fiel auf, dass Frauen am Wegesrand in der regel sofort alles stehen und liegen gelassen haben (z. B. Feuerholz, ihre Ernte, etc.) und weggerannt sind, sobald unser Auto langsamer wurde. Auch als wir in einem Dorf einer Gruppe von Kindern begegneten, haben die Jungs uns interessiert beobachtet, während die Mädchen sofort weggerannt sind. Ein Baumwollfarmer konnte uns dann die Erklärung für dieses Verhalten liefern: Die Frauen und Mädchen haben grosse Angst, von Boko Haram entführt zu werden. Daher sehen sie in jedem langsam fahrenden Auto eine potentielle Gefahr.

Auf dem Rückweg besichtigten wir eine Gerberei. Dort wird in Handarbeit im Freien aus der Haut von Tierkadavern Leder hergestellt. Obwohl die Erklärungen zu den einzelnen Schritten sehr spannend waren, hatte man doch die ganze Zeit den intensiven Geruch von etwas zu lange in der Sonne gelegenen Tierkörpern in der Nase.

An unserem vorletzten Tag führte uns die Reise wieder über Land in das entlegene Dorf Douroum in der Region Meri. Mitten in zum Teil muslimischem und zum Teil animistischen Land steht dort eine extravagante Kirche, die wir besichtigen konnten. Von dort kamen wir nach einem Fussweg von etwa einer Stunde zu einem traditionellen Dorf des Moufou-Stammes, durch das uns die lokalen Kinder gerne führten. Auch die (für Kinder begehbare) Vorratskammer durfte nicht fehlen. Boko Haram ist hier ebenfalls ein grosses Thema, Reisende kommen seit Jahren nicht mehr in das Dorf. Der lokale Guide hat daher keine Kunden mehr. Und der Betreiber des einfachen Campements klagte uns das selbe Leid. Dass das letzte Mal jemand bei ihm übernachtet hat, sei auch schon Jahre her. Auf dem Rückweg hat unser Fahrer es mit seinem offensiven Fahrstil dann doch noch geschafft, bei der schnellen Durchfahrt durch ein tiefes Loch brach die Vorderachse unseres unzerstörbar gewähnten Sequoia. Zum Glück waren wir schon wieder so nahe an Maroua, dass wir schnell einen anderen Transport zur Rückkehr organisieren konnten.

 

Letztlich wurden auch wir durch Boko Haram eingeschränkt, die geplante Besichtigung einer weiteren Kirche mussten wir absagen, da auf dem Weg dorthin am Vortag mehrere Soldaten bei Feuergefechten verletzt worden waren. Auch wenn der letzte terroristische Anschlag in Maroua deutlich länger (mehrere Jahre) her ist als zum Beispiel in Londen, raubt der Terror den Menschen hier ihre Lebensgrundlage, was auch eine Form von Terrorismus ist.

Am letzten Tag frequentierten wir ausführlich den Markt von Maroua (der landestypische „Apotheker“ durfte nicht fehlen) und hatten auch Gelegenheit die Moschee zu besuchen und beim Freitagsgebet dabei zu sein. Der Imam und viele Gläubige begrüssten uns sehr freundlich und gaben uns das Gefühl, willkommen zu sein.

Leider viel zu schnell ging unsere Rundreise durch Kamerun zu Ende und wir machten uns auf dem Luftweg zurück nach Douala auf. Unser Guide sparte sich das Geld und nahm statt dem 90-minütigen Flug eine 27-stündige Busreise zurück nach Yaoundé auf sich.

Bénoue Nationalpark

Nachdem wir die Regionshauptsadt Ngaoundéré sowie das Lamidad de Ngaoundéré (Herrschaftsbereich des Lamido, ähnlich Emir) besucht und uns mit Proviant und frischen Früchten für die nächsten Tage eingedeckt haben, ging unsere Fahrt weiter. Das Ziel war der ganzjährig geöffnete Bénoue-Nationalpark.

Der von uns eigentlich favorisierte Boubandjida-Nationalpark ist zu dieser Jahreszeit leider geschlossen, weshalb wir den im selben Landesteil gelegenen Bénoue-Nationalpark als Alternative gewählt haben. Gemäss Reiseführer sei der Tierbestand in diesem Nationalpark allerdings aufgrund häufiger Frequentierung durch Wilderer und Goldsucher geringer. Dies scheint wirklich so zu sein, allerdings hat das Militär seit einigen Jahren diese illegalen Aktivitäten stark verringert.

Das Abenteuer begann bereits am Eingang des Parkes, wo die Dorfbewohner in aller Ruhe Bohnen und Mais auf der Strasse getrocknet haben. Nachdem unserer Fahrer signalisiert hat, das er keinen Spass mache, sondern *wirklich* die Einfahrt in den Nationalpark befahren wolle, haben alle freissig begonnen, die Körner und Bohnen zusammenzuräumen. Ein paar Ziegen haben tatkräftig beim Aufräumen geholfen. Anschliessend rutschten wir im Auto etwas zusammen und nahmen drei Angestellte des Camps (Campement) mit, die dort für uns zuständig sein sollten. Eigentlich hätte uns da bereits etwas dämmern sollen…

Mehr als einmal lobten wir unseren Fahrer und das doch sehr gute 4×4 Fahrzeug. Die Strasse, oder besser der Pfad, befand sich wegen der Regenzeit in ausgesprochen schlechtem Zustand, zugewachsen und mit teilweise sehr tiefen Furchen. Nach ca. 30 Minuten Fahrt rutschte das Fahrzeug auf eine Seite aus, fuhr mit zwei Rädern in eine tiefe Furche und wir setzten mit der Hinterachse auf. Sie hatte sich regelrecht eingegraben. Nun waren wir doch sehr froh um die Hilfe der zusätzlichen Fahrgäste, die mit allerlei technischen Finessen das Auto teils ausgegraben und teils angehoben haben.

Alle waren froh, als wir bei Einbruch der Dunkelheit endlich im Campement angekommen sind. Das Campement ist eine wunderschöne, aber weder gepflegte noch unterhaltene Anlage mitten im Park. Es gibt in den Bungalows sogar Klimaanlagen, Warmwasserboiler und Duschen, was allesamt den Eindruck erweckt, dass es hier zu (viel) früherer Zeit mal elektrischen Stom und fliessendes Wasser gegeben haben könnte. An diese Zeiten erinnerte sich von den Anwesenden jedoch niemand mehr. Bei Kerzenlicht packten wir unser (zum Glück) mitgebrachtes Moskitonetz aus und waren froh um das anschliessende Abendessen. Selbstverständlich waren wir die einzigen Europäer hier.

Am nächsten Tag machten wir uns zu Fuss mit Guide und Wildhüter auf die Wildsuche. Das Gebüsch und Gras ist aufgrund der gerade zu Ende gehenden Regenzeit jedoch so hoch, das wir lediglich Spuren von verschiedenen Tieren gesehen haben. Einzig Affen und Hippos (Flusspferde) zeigten sich uns. Auf eine Safari mit dem Auto verzichteten wir, da die Ranger uns mitteilten, dass die Fahrwege erst nach der Regenzeit neu angelegt werden würden. Voraussichtlich. Das Risiko, mitten im Urwald liegenzubleiben, war doch zu absehbar.

Grundsätzlich hätte man vermutlich vorher erahnen können, dass ein Parkbesuch in der Regenzeit nicht sonderlich viel Sinn macht. Das hat den Veranstalter aber nicht davon abgehalten, uns diese Tour (gerne) zu verkaufen.






Politische Unruhen

Die politische Situation im englischsprachigen Teil von Kamerun (Regionen Südwest und Nordwest) ist in dieser Zeit etwas unübersichtlich geworden. Grundsätzlich sind Teile der Problematik nachvollziehbar. So scheinen sich die englischsprachigen (anglophonen) Landesteile gegenüber der französischsprachigen (francophonen) Mehrheit bereits seit langem benachteiligt zu fühlen.

Historisch bestehen neben der Sprache noch weitere Differenzen. Das Rechtssystem orientiert sich im englischsprachigen Teil am Rechtssystem von Grossbritannien und das im französichsprachigen Bereich an dem von Frankreich. Diese Systeme scheinen grundverschieden zu sein. Die Bildungssysteme unterscheiden sich ebenfalls, das offensichtlichste ist die Sprache des Unterrichts.

Wenn man den legendenhaften Erklärungen glauben kann, dann seien im letzten Jahr vermehrt francophone Lehrer und Richter in den englischsprachigen Landesteil gesandt worden. Dies habe dazu geführt, dass zum einen die Lehrer nicht mit den Schülern haben sprechen können und zum anderen die Richter nach einem anderen Rechtssystem Recht gesprochen haben. Als Protest darauf sei der Grossteil der anglophonen Lehrer und Richter in Streik getreten. Diese Situation sei nun von Separatisten, die sich entweder eine Unabhängigkeit des englischsprachigen Landesteiles (Ambazonia) oder eine Angliederung desselben an Nigeria wünschen, ausgenutzt worden.

Mehrere Schulen, in denen trotz des Streiks unterrichtet wurde, seien von den Separatisten abgebrannt worden. Bombenanschläge auf staatliche Einrichtungen gingen ebenfalls auf Ihr Konto. Die grösseren Städte im anglophonen Teil (Buea, Bamenda, Kumba) treten jeweils an fixen Wochentagen in einen Generalstreik. Wer sich dem widersetzt riskiere, dass die Separatisten das Geschäft in Brand setzen. Diese Unruhen haben auch die Formalitäten für unsere Aufenthaltsbewilligung auf Eis gelegt. Wir werden es Mitte Oktober, nach unseren Ferien im französischsprachigen Landesteil, erneut versuchen.

Mit Spannung wurde der erste Oktober erwartet. An diesem Tag wurden vor Jahrzehnten die beiden Landesteile vereint. Und an diesem Tag rechnete man mit grösseren Unruhen im englischsprachigen Landesteil. Manche erwarteten sogar, dass die Separatisten an diesem Tag die Unabhängigkeit ausrufen.

Genaue Informationen, was wirklich passiert ist, liegen aktuell noch nicht vor. Es habe acht Tote, zahlreiche Unruhen und Schiessereien gegeben. Das sagen zumindest die Gerüchte. Sehr viel erfährt man allerdings nicht, Whatsapp und Facebook sind im anglophonen Landesteil von der Zentralregierung gesperrt worden. Seit ein paar Tagen gebe es zumindest in Manyenem gar kein Internet. Genauere Informationen hierzu stehen daher noch aus.

Diese Angaben beruhen grösstenteils auf Hörensagen, da wir uns gerade tief im francophonen Landesteil und damit weit weg von den Unruhen aufhalten. Wir sind daher aktuell von der ganzen Angelegenheit nicht unmittelbar betroffen. Mittelbar hingegen schon, denn eigentlich wollten wir in etwas mehr als einer Woche in den anglophonen Landesteil zurückkehren…

Idool

Vom Mbam-Minkom Massiv führte uns die Fahrt weiter durch die Ost-Region nach Bertoua, wo wir aber nur eine kurze Zwischenstation gemacht haben, um weiter in die Ngaoundaba Ranch kurz vor Ngaoundéré zu fahren.

Von der stark an ein französisches Landgut erinnernden Ngaoundaba Ranch aus führte uns der Weg zunächst zu den beeindruckenden Telo-Wasserfällen. Die Regenzeit neigt sich zwar langsam den Ende zu, der Wasserfluss ist aber noch immer erheblich. Hinter dem Wasserfall öffnet sich eine grosse, dicht bewachsene Grotte.

Anschliessend besuchten wir das malerische Fulbe-Örtchen Idool, das mit seiner Mischung aus lokaler Architektur und westlicher Ordnung besticht. Gemäss den Erzählungen soll der französische Statthalter seinerzeit den Lamido beraten haben, sein neues Lamidat (Herrschaftsgebiet) als eine Mischung aus Tradition (traditionelle Architektur) und Moderne (gerade, geräumige Alleen) anzulegen. Der junge Lamido (muslimischer Chef eines Lamidats, ähnlich Emir) hat uns mit entsprechenden Erklärungen gut herumgeführt.

Die Kinder des Dorfes haben sich im Übrigen sehr über die mitgebrachten Kekse gefreut.